Und ihr findet Poposex pervers?


Höher, schneller, weiter. Das reicht vielen heute nicht mehr. Nur drei Sachen auf einmal? Das konnte doch schon das Überraschungs-Ei bieten. Ist das Überraschungs-Ei nicht längst überholt? Es gibt bestimmt schon irgendeine Kinderlecker

ei mit vier Überraschungen auf einmal. Von Kellogg’s, oder so. Jetzt neu: die Kellogg’s Frosties wecken nicht nur den Tiger in dir, sondern auch den Bären, den Puma und den Stirnlappenbasilisken. Mit einer duften, kurzweilig Vergnügen bereitenden Plastikfigur in jeder sechsten Packung! Kann ich mir gut vorstellen. Denn das als Einleitung missbrauchte „Schneller, weiter, höher“ wurde still und unheimlich auf weitere Adjektive erweitert. Einfach nur schneller zu sein als irgendjemand anders ist doch auch total superöde, also quasi der gesellschaftliche Superduper-GAU pur. Um als einigermaßen okayes Individuum akzeptiert zu werden, muss man heutzutage auch noch geiler, klüger, straßentauglicher und reicher sein als der Nachbar. Aber wenn man sagt, dass Schönheitsoperationen, die nur der Porenvergrobung dienen, grober Unfug und ungrober Fug sind, dann bekommt man vereinzelten Applaus, vielleicht ein paar Schmunzler aus der hintersten Ecke und ein paar, die sich über die Neologismen wundern – aber die große Masse wird zustimmen. Um sich, bei spontanem Lottogewinn oder großzügiger Erberei, dann doch die paar kleinen Problemzonen am schlabbrigen Körper glätten zu lassen. Natürlich aufnahmslos für sich selbst. Für sein Selbstvertrauen. Und nicht zuletzt für die große, offiziell nach inneren Werten lechzende Masse.

Zurück zu „Weiter, höher, schneller“. Wenn man dieses verbale Trio des sozialen Dauerantriebs in die heutige Zeit übersetzt, nimmt man nicht mehr den öden Komparativ, sondern vertraut dem weitaus meinungsstärkeren Superlativ. Am höchsten, am schnellsten, am weitesten! Es wird nicht mehr akzeptiert, dass irgendjemand irgendetwas irgendwie besser macht als man selbst. Jeder versucht, sich mit den vermeintlich Besten eines Fachs zu duellieren, was naturgemäß zu vielen enttäuschenden Niederlagen und niederlegenen Enttäuschungen führt. Doch damit nicht genug. Gerne greift man auch auf hellseherische Kräfte zurück und gibt einer der schlimmsten Worthülsenfrüchte unserer Zeit eine Herberge: „aller Zeiten“. Dieses Suggerieren einer ewigen Allgemeingültigkeit ist, um ein bisschen albern zu werden, generell am falschesten. Rennfahrer, Kurzstreckensprinter und Seifenkistenpiloten sind nun nicht mehr nur schneller als andere, nicht bloß am schnellsten, nicht bloß diejenigen, die in einem lediglich der Unterhaltung dienendem Wettkampf die wenigste Zeit für das Bewegen von A nach B verschwendet haben; nein. Sie sind die Flottesten aller verdammten Zeiten. Präsens, Präteritum, Plusquamperfekt. Bis irgendwann ein neuer Getriebener den Weltrekord bricht, temporär ganz oben auf dem Siegertreppchen der Evolution stehen darf.

Und da hat man ihn nun als Poster an der Wand hängen, glotzt dem Schnellsten aller Zeiten neidisch auf das glatte Säuglingspopogesicht, sabbert Pfützen ins Wohnzimmer, liest dann im Plastikstuhl des Sportlers Biografie, fein garniert mit dem offiziellen Höher-Weiter-Schneller-Energiegetränk, man gehorcht seinen Worten, kauft ihm anschließend seine Lieblingsklamotten nach, erzählt im Bekanntenkreis von ihm als hätte er im eigenen Garten fleißig die Grashalme gestutzt, geht ins Fitnesscenter, besucht das ein oder andere offene Casting, versucht, Kontakte zu knüpfen zu denen da oben, wo man auch hin will, wo man die Superlativen bekommt und die Trauben, die hängen ganz schön hoch, aber man will ja auch höher und dann danach immer weiter, immer weiter, damit man für alle Zeiten ist und dann, dann hat man es angeblich geschafft. Und ich für meinen Teil finde Überraschungs-Eier immer noch ziemlich prima.

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